Thursday, May 10, 2007

Panoptikum 2007

Als vor 100 Jahren der Tierpark Hagenbeck in Hamburg seine Pforten öffnete, konnten die Besucher erstmals exotische Tiere in einer beinahe artgerechten Umgebung bestaunen – ohne Gitteranlagen. Dafür ist der Zoo heute noch bekannt. Was weniger bekannt sein dürfte: Ein Vierteljahrhundert zuvor hatte der Tierhändler Carl Hagenbeck, fasziniert von einer Völkerschau auf einem Markt, Menschen ausgestellt: Eskimos etwa, Massai, eine Lappländerfamilie. Heute mag man das für fragwürdig halten; fest steht, dass das damals für die Leute eine echte Sensation war.

Heute, wo jeder schon fremde Völker im Fernsehen und Löwen oder Giraffen im Zoo gesehen hat, gewinnt der Gedanke an Reiz, mal wieder etwas wirklich Exotisches bestaunen zu können. Lebewesen, von deren Existenz man bisher nicht einmal wusste oder solche, die als ausgestorben galten. Wie das wohl wäre! Man schlendert durch einen Park und sieht:

Einen deutschen Mittelstufenschüler, der in der Lage ist, einen grammatikalisch und orthographisch unfallfreien Satz zu Papier zu bringen. Sunniten und Shiiten, einträchtig auf einer Wiese nebeneinander liegend. Einen höflichen Berliner. Einen Rechtsradikalen mit Abitur. Einen Fahrradkurier, der rücksichtsvoll um die Besucher herumkurvt. Heterosexuelle Friseure und Flugbegleiter. Lehrer, die auf „Brückentage“ verzichten. Gutaussehende Engländerinnen. Eine für den Frieden demonstrierende Gruppe von Palästinensern. Linke, die es im Zweifel eher mit den USA halten als mit Despoten und Terroristen. Teenies, die mehr als zwei Sätze hintereinander sprechen können, ohne die Worte „voll“, „Hallo?!“ und „Digger“ zu verwenden. Schlanke Männer aus Tonga, erfolgreiche Fußballer aus dem Rheinland, pro-israelische Journalisten.

Nur, leider: Eher werden wir wohl einen lebenden Tyrannosaurus Rex zu sehen bekommen. Wie langweilig. Und wie gewöhnlich.

5 Comments:

Anonymous Guerreiro said...

Obwohl wahr, köstlich wie immer

6:22 PM  
Anonymous Motta said...

äääähhh ich will ja mal jetzt nicht unken, aber es heißt nicht Lappländer, sondern Samen. Ich durfte mir letztens anhören es wäre ja wohl beleidigend von mir wenn ich die finnischen Nomaden als Lappen und nicht als Samen bezeichnen würde.

Und bevor bei Dir jetzt ein Antidiskrimierungskomitee aufschlägt, in Form einer Birkenstock tragenden Walküre gebe ich Dir die politisch korrekte Bezeichnung :-)))

7:58 PM  
Blogger Claudio Casula said...

@ motta

Okay. Allerdings: Wie hätte sich das angehört – "Samenfamilie"?

Das ist ein seriöser Blog hier. ;o)

10:39 AM  
Anonymous Motta said...

@ Claudio,

stimmt, da hast Du Recht. "Die Samenfamilie" klingt in der Tat etwas.....ähhh, so nach Beate Uhse. :-)))
Und da hier auch Kinder lesen dürfen, sollte man das berücksichtigen ;-))

Viele Grüße
Motta

8:48 PM  
Blogger Claudio Casula said...

@ Motta

Außerdem: Eskimos heißen natürlich eigentlich Inuit. Aber wenn wir hier päpstlicher als der Papst werden, sind wir ganz schnell bei den manuell anders Befähigten und den vertikal Herausgeforderten – also Behinderten und Zwergen.

Viele Grüße zurück!
CC

9:57 AM  

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