Friday, October 06, 2006

„Gewalt muss man benutzen!“

Unser Lieblingsprofessor heißt Dr. Dan Schueftan. Er ist stellv. Direktor des National Security Studies Center an der Universität Haifa, lehrt dort und an der Militärhochschule in Haifa und ist seit drei Jahrzehnten Berater der israelischen Regierung, aber auch von Regierungen der USA und Europas. Seine Veröffentlichungen behandeln vorwiegend zeitgenössische Nahost-Geschichte, den arabisch-israelischen Konflikt, innerarabische Politik und die US-Nahostpolitik. Nächste Publikation: eine Studie über die Lage der arabischen Bürger Israels.

Zurzeit ist unser Lieblingsprofessor auf Deutschland-Tournee und sagt, was man lieber nicht hören will. Und als fleischgewordener Albtraum aller Gutmenschen haut er auf den Putz, dass es nur so eine Art hat. Er ist arrogant, „selbst für israelische Verhältnisse“. Er ist für die Aufgabe eines Großteils der besetzten Gebiete und für einen Palästinenserstaat – nicht weil die Palästinenser ihn verdient hätten, sondern um sie loszuwerden. Er erinnert die Europäer daran, dass Israel nun mal in einer „ekelhaften Region“ lebt. Und er macht aus seiner Verachtung für Europas Appeasement-Politik keinen Hehl: „Whenever you don't know what to do: Ask the Europeans. Then do the opposite." Dass er mit seinem unbequemen Ansichten aneckt, stört ihn nicht – weil er Recht hat. Wenn Dan Schueftan redet, möchte man am liebsten jeden Satz mitschreiben, so zahlreich sind die Bonmots. [Anmerkung des Blog-Gründers: Genau das habe ich ein Semester lang getan.] Und so wahr ist jedes Wort. Wie gern sähe man ihn als Fuchs im Hühnerstall mit Steinbach, Lüders und ähnlichen Flachschwimmern debattieren.

Hier also meine dringende Empfehlung: Machen Sie sich bei der örtlichen Zweigstelle der Deutsch-Israelischen Gesellschaft oder bei der Konrad-Adenauer-Stiftung schlau, ob Dan Schueftan demnächst auch in Ihrer Stadt auftritt. Und dann: Kommet und höret, was er euch zu sagen hat, es wird euer Schaden nicht sein.

Nachfolgend mein Bericht über die jüngste Performance unseres Lieblingsprofessors.


---schnipp---


So kompetent und pointiert, so locker und sarkastisch kommentiert wohl nur einer den Dauerkonflikt in Nahost: Dan Schueftan nimmt auch im Saal der Jüdischen Gemeinde kein Blatt vor den Mund. Auf die political correctness pfeift er: „Wenn man verstehen will, was in der Welt passiert, darf man nicht politisch korrekt sein.“ Dementsprechend schonungslos analysiert der Referent aus Haifa die gegenwärtige Lage in Israel und den arabischen Ländern, die bis auf weiteres, so der Tenor des Vortrags, nicht zu ändern sein wird.

„Die Palästinenser verschwenden alles, was sie kriegen“

Die ganz schlechte Nachricht überbringt Schueftan gleich zu Beginn: „Der Radikalismus ist in naher Zukunft nicht rauszukriegen.“ Die arabische Welt erlebe, bei aller Größe in der Vergangenheit, seit 200 Jahren nur Misserfolge. Armut, technologische Rückständigkeit und politische Unfreiheit seien hausgemachte Probleme, die Radikalismus produzierten. Und dieser Radikalismus bleibe, unabhängig davon, was Israel tue oder unterließe, ob es Siedlungen räume oder was auch immer. Durch Korruption und Gewalt, so stellt Schueftan fest, sind Milliardenhilfsgelder an die PA (pro Kopf das Sechsfache der Hilfen für die Deutschen nach dem Marshall-Plan!) auf Nimmerwiedersehen verschwunden, Chaos und Anarchie regieren und das einzige Role Model für palästinensische Kinder sei der allseits propagierte Märtyrertod.

Die Araber im allgemeinen und die Palästinenser im besonderen seien jedoch unfähig, Eigenverantwortung zu übernehmen und sich mit der Realität des 21. Jahrhunderts abzufinden. Statt dessen zögen sie es vor, die Schuld für die Misere bei anderen zu suchen: bei den Juden, den Amerikanern, dem Imperialismus, der Globalisierung. Selbst die arabischen Eliten, so konstatiert Schueftan, arbeiten mit konspirativen Theorien und übelsten antisemitischen Stereotypen wie nur mühsam modifizierten Brunnenvergiftergeschichten, so absurd sie auch sein mögen. So sei leider die Realität. Von einer Welt, in der man, wie im Jemen, zwar nichts zu beißen, aber dafür zwei Kalaschnikows im Hause hätte, Frieden zu erwarten, sei „ein bisschen komisch“.

„Europa ist so miserabel schwach, dass es unverantwortlich ist“

Europa, das gern eine friedensstiftende Rolle in Nahost spielen würde, hat nach Schueftans Ansicht nicht begriffen, dass die Realität im Orient nicht mit den Verhältnissen in der EU vergleichbar ist. Der enorme Erfolg der EU bedeute eben nicht, dass das Modell auch auf andere Regionen übertragbar ist. Immerhin hätten die Europäer seit langem eine gemeinsame (kulturelle) Basis und ähnliche Werte.

Was haben nun die Europäer aus der Geschichte gelernt? Das Falsche, sagt Dan Schueftan. Macht sei eben nicht negativ, sondern man müsse Macht benutzen, „um die Bösen dazu zu kriegen, nichts Böses zu tun, nicht weil sie es nicht wollen, sondern weil sie es nicht können.“ Schueftan stellt fest, dass Europa die Fähigkeit verloren habe, elementar zwischen Gut und Böse zu unterscheiden und nach dem Motto „Wir sind doch alle Menschen! Na klar. Albert Schweitzer UND Saddam Hussein" einen Dialog fordere. Der aber sei, was Israel und den Araber betrifft, ein Witz. „Monolog“, meint Schueftan, „bedeutet: einer, der zu sich selbst spricht. Beim Dialog sind es zwei, die zu sich selbst sprechen“. Europäische Bekräftigungen ihres Existenzrechts hätten die Israelis nicht nötig. „Sehr nett, Danke, ich bin auch für das Existenzrecht Deutschlands!“ Und wenn die alte Welt, zu schwach zur Selbstverteidigung, Israel erzählen will, wo es langgeht, dann fragt Schueftan rhetorisch: „Also: Macht der moralische Zeigefinger aus Europa großen Eindruck auf Israel? Nein.“

Was die engen Beziehungen zwischen Israel und den USA betrifft, sitzen die Europäer nach Überzeugung Schueftans einigen Irrtümern auf. Weder sei Unterstützung der USA für den jüdischen Staat das Werk einer sagenumwobenen „jüdischen Lobby“, noch sei diese Unterstützung befristet. Vielmehr handele es sich hier um die zwei einzigen Demokratien, „die eine Wirbelsäule haben“, und generell gebe es in den großen Fragen zwischen beiden Ländern stets zwischen 80 und 90 Prozent Übereinstimmung. Nicht zuletzt schweißt natürlich auch die gemeinsame Bedrohung durch den islamistischen Terror zusammen: „As long as they burn our flags side by side, we are in business“.

„Israel steht heute besser da als je zuvor“

Allen Unkenrufen zum Trotz stellt Dan Schueftan fest, dass die Lage für den Staat Israel zwar besser sein könnte, aber nicht schlecht ist. Während bis vor etwa zehn Jahren die Israelis politisch in drei Lager gespalten gewesen seien („links: Idioten, rechts: Idioten – und Dan Schueftan!“), so seien sie vernünftig geworden. Friedensträumer von links und Groß-Israel-Ideologen von rechts seien marginalisiert, satte zwei Drittel der Bevölkerung stünden in der Mitte. Der Abzug aus Gaza habe das Land gestärkt, der Shekel sich zu einer harten Währung gemausert und die Computertechnologie einen neuen Aufschwung genommen. Nicht zuletzt stellt er fest, dass die Israelis in den letzten fünf, sechs Jahren – also während der „Al-Aqsa-Intifada“ – eine enorme mentale Stärke bewiesen haben. Nicht einmal täglicher Terror hatte Panik oder Abwanderung zur Folge.

Positiv, so Schueftan, sei auch zu vermerken, dass mit einem Teil der arabischen Welt tragfähige Abkommen zu erreichen sind, auch wenn mitunter sehr unversöhnliche Töne (wörtlich: „Gequatsche“) zu vernehmen seien. Er nannte die Beispiele Jordanien, Ägypten, die Golfstaaten, die Maghreb-Staaten und den Libanon – wenn er denn könnte, wie er wollte.

Auch wenn es also keine guten Nachrichten aus Nahost gibt, dürfte sein Fazit für die Freunde Israels zumindest tröstlich sein: Mit der schwierigen Realität (und auch mit der weltweiten Kritik) kann Israel leben. Das Land ist selbstbewusst und für die Herausforderungen gut gerüstet.

Fazit des rundum gelungenen Abends: Wer eine weitere Sonntagsrede über Frieden und Aussöhnung erwartet hatte, dürfte angenehm enttäuscht worden sein. So wurde der Überbringer der schlechten und nicht ganz so schlechten Nachrichten denn auch nicht geköpft, sondern im Gegenteil mit lang anhaltendem Beifall bedacht. Bald wird Dan Schueftan u.a. nach Bremen und Berlin weiterreisen, „um Menschen wütend zu machen“.

Wat mutt, dat mutt.

1 Comments:

Anonymous Guerreiro said...

Wir bräuchten wenigstens noch jeweils einen Dan Schueftan aus jedem Europäischem Land und wir wären wenigsten ein Schritt näher uns von der Sharia ein Schritt zu entfernen

2:12 PM  

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