Thursday, August 03, 2006

Low-Level Conflict

SPIEGEL online beklagt heute „die grauenvolle Statistik eines Krieges.“

„Auf 762 bezifferte das libanesische Gesundheitsministerium gestern die Zahl der Todesopfer im Libanon. Andere Quellen sprachen von mindestens 643 Toten. Heute nun korrigierte der libanesische Regierungschef Fuad Siniora die Zahl weiter nach oben.“

Es kann natürlich auch sein, dass die 900 Toten, von denen Siniora spricht, keine „Korrektur“, sondern eine Übertreibung darstellen. Das gestörte Verhältnis zu Zahlen, das im Orient gepflegt wird, ist ja allgemein bekannt. Man erinnert sich an die „500 Toten“ von Jenin. Und erst gestern meldete Human Rights Watch, eine Organisation, der niemand Parteinahme für Israel nachsagen wird, dass in Kana genau 28 Menschen starben und nicht „fast 60“, wie es bisher allerorten hieß. Vorausgesetzt, sie starben überhaupt dort und vorausgesetzt, sie starben überhaupt durch israelische Raketen, woran es ja inzwischen begründete Zweifel gibt. Sicher ist nur, dass sie als Geiseln der Hisbollah starben, zum höheren Zweck der Propaganda.

Dass Siniora, nun, sagen wir: es mit der Wahrheit nicht unbedingt genau nehmen muss, liegt ja auch auf der Hand, schließlich muss er keine Neutralität vortäuschen. Er darf sowas sagen. Die Frage ist nur: Müssen wir ihm auch glauben? Klar ist doch, dass die libanesische Seite ein Interesse daran hat, möglichst hohe Opferzahlen zu verbreiten, um die internationale Öffentlichkeit dazu zu bewegen, Israel seines Rechts auf Selbstverteidigung zu berauben.

Die Medien spielen da gern mit. Vor einigen Wochen, es ging um eine israelische Militäraktion in Gaza, meldeten die Morgennachrichten des Norddeutschen Rundfunks, dass bei dem Einsatz „nach unbestätigten Meldungen (sic!) ein Palästinenser getötet wurde“. Eine Glanzleistung des Journalismus: Man konnte die Bestätigung der welterschütternden Meldung, dass ein (in Worten: ein!) Palästinenser getötet wurde, gar nicht abwarten – wenn sie denn überhaupt je bestätigt wurde – und gab sich mit dem bloßen Gerücht zufrieden.

In Kana ganz offensichtlich auch. Jemand setzt die Zahl 60 in die Welt und sie dreht ihre Runde um den Globus. Nun sind zwar auch 28 tote Zivilisten nicht viel weniger schrecklich als die doppelte Anzahl, aber man muss schon fragen dürfen, warum zunächst die doppelte Opferanzahl behauptet wurde und warum man sie glaubte, bevor die Toten geborgen wurden.

Auf SPIEGEL online heißt es in dem Bericht: „Fakt ist: Die Verluste auf israelischer Seite sind um ein Vielfaches geringer. Gestern war offiziellen Angaben zufolge von mehr als 50 israelischen Opfern die Rede.“

Auf israelischer Seite ist die Opferzahl vor allem deshalb geringer, weil die Zivilisten dort in Bunkern sitzen oder gleich den Norden Galiläas verlassen haben, um in anderen Landesteilen Schutz zu suchen. Sie werden eben nicht gezwungen, im Kampfgebiet zu bleiben, um den Fotografen von AP oder Reuters ein paar schöne Leichen anbieten zu können.

Wie auch immer: Ob nun 762 tote Libanesen oder doch nur 643 oder auch die von Siniora beklagten 900 – für mehr als drei Wochen Krieg mit 10.000 israelischen Soldaten und tausenden Hisbollah-Terroristen im Einsatz, mit 2000 nach Israel abgefeuerten Raketen und zahllosen israelischen Luftangriffen im Südlibanon und in Beirut ist das eine Zahl, die zwar bedauerlich ist, sich aber in Relation zum sonstigen Weltgeschehen relativ mickrig ausnimmt. 900 Tote gab es, als die deutsche Luftwaffe am 14. Mai 1940 Rotterdam bombardierte. An diesem einen Tag. Am ersten Tag der Schlacht an der Somme 1916 starben 21.000 britische Soldaten, davon 8000 allein in der ersten halben Stunde.

1994 mordeten Hutus in Ruanda fast eine Million Tutsis hin, ohne dass sich irgend jemand groß dafür interessiert, geschweige sich denn darüber ereifert hätte. Das Massaker ließ die Welt kalt, so wie die 42 Kriege und bewaffneten Konflikte sie kalt lassen, die allein gegenwärtig rund um den Erdball toben und nach vorsichtigen Schätzungen bisher 6,7 Millionen Todesopfer forderten.

Aber „die Welt ist geschockt über Israels Kriegsführung“ (SPIEGEL online), und meint damit den Beschuss eines UN-Postens, aus deren unmittelbarer Nähe zuvor Hisbollah-Terroristen Raketen abgefeuert hatten, sowie das äußerst obskure „Massaker“ von Kana. Dabei bestreitet niemand, dass auch von Kana aus zivilen Häusern heraus geschossen wurde, und dass die israelische Armee schon Tage zuvor alle Bewohner zum Verlassen der Ortschaft aufgefordert hatte. Wer will da allen Ernstes ein vorsätzliches Blutbad behaupten?

Wem als Beispiel für Kriegsverbrechen bei all den Sauereien, die weltweit verübt werden, ausgerechnet Kana einfällt, dem ist nicht mehr zu helfen. Ließe man endlich mal die Moschee im Dorf, müsste man zugeben, dass ein mit solcher Intensität geführter Kampf wie der zwischen den israelischen Streitkräften und der Hisbollah bislang eine erstaunlich geringe Anzahl von Opfern gefordert hat. Trotz allen Geredes von "Eskalation" und "Flächenbrand": Es ist nach wie vor ein begrenzter Konflikt.

Es wären viel mehr Tote zu beklagen, wenn Hisbollah könnte, wie sie wollte, und wenn die IDF wollte, wie sie könnte. So einfach ist das.

8 Comments:

Anonymous Klaus said...

Wunderbar auf den Punkt gebracht, besonders der letzte Satz. Kleine Variation: bevor die Hisbollah kann, was sie will, muß die IDF wollen, was sie kann. Oder ?

7:19 PM  
Blogger Claudio Casula said...

Allerdings! ;o)

10:16 AM  
Anonymous david said...

na ja... neutralität muss keine der seiten vortäuschen, auch von israel kommt jede menge propaganda, mal eher plump, mal geschickt verpackt.

was, in gaza soll vor einigen wochen ein palästinenser getötet worden sein? unglaublich!! nicht, dass das tagtäglich vorkommt... was daran schlecht ist, ein gerücht auch als solches kenntlich zu machen, wie es der ndr getan hat, verstehe ich allerdings nicht.

dass die libanesen auch durch zerbombte straßen und brücken gezwungen werden, im kampfgebiet zu bleiben, ist bekannt.

vergleiche mit rotterdam, somme oder ruanda sind völlig schief und unangebracht. wenn schon verglichen und aufgerechnet werden muss, dann doch bitte einfach die toten auf israelischer und auf libanesischer seite. dieses verhältnis lag von anfang an etwa bei 1:10. mehr muss man dazu nicht sagen!! man könnte es allenfalls in ein verhältnis zur gesamtbevölkerung setzen (libanon 3,9 mio., israel 6,4 mio.), was es nicht besser macht.

den letzten beiden absätzen stimme ich zu.

12:57 PM  
Anonymous david said...

abweichende meinungen oder kritische anmerkungen sind hier wohl unerwünscht und werden zensiert? schade!

11:28 PM  
Blogger Astuga said...

David, weshalb sollte man die toten Libanesen mit den toten Israelis aufrechnen?
Die Hisbollah versucht weiß Gott soviele Israelis zu töten wie möglich, ist es die Schuld der Israelis, dass ihnen das nicht ausreichend gut gelingt?

Und sind die Israelis schuld, dass sie ihre Bürger besser schützen als die Libanesen?

3:56 PM  
Blogger Mister M said...

david: na ja... neutralität muss keine der seiten vortäuschen, auch von israel kommt jede menge propaganda, mal eher plump, mal geschickt verpackt.

Zumindest aber weniger, als von libanesischer Seite.

david: was, in gaza soll vor einigen wochen ein palästinenser getötet worden sein? unglaublich!! nicht, dass das tagtäglich vorkommt... was daran schlecht ist, ein gerücht auch als solches kenntlich zu machen, wie es der ndr getan hat, verstehe ich allerdings nicht.

Dass das Geruecht ueberhaupt Eingang in die Medien gefunden hat.

david: dass die libanesen auch durch zerbombte straßen und brücken gezwungen werden, im kampfgebiet zu bleiben, ist bekannt.

Nur gut, dass Du in dem Satz ein "auch" stehen hattest.

david: vergleiche mit rotterdam, somme oder ruanda sind völlig schief und unangebracht.

Ach? Sind sie das? Ich glaube nicht, wenn man die Anzahl der Opfer mal mit dem Medienecho hervorrufen, das sie produziert. Wenn dem naemlich so waere, muessten im Libanon nicht 900 Opfer in 3 Wochen gefordert haben, sondern 900 Opfer taeglich oder gar stuendlich.

david: wenn schon verglichen und aufgerechnet werden muss, dann doch bitte einfach die toten auf israelischer und auf libanesischer seite. dieses verhältnis lag von anfang an etwa bei 1:10. mehr muss man dazu nicht sagen!!

Nein? Muss man nicht? Schade eigentlich, wenn eine solche Behauptung dazu verwendet wird, eine Diskussion im Keim zu ersticken. Ich glaube naemlich doch, dass mehr dazu gesagt werden muesste. Zum einen sind die von libanesischer Seite angegebenen Zahlen, wie wir ja bereits festgestellt haben, uebertrieben. Also gehen wir von einem Verhaeltnis von 1:5-1:7 aus. Hiervon muss man dann noch die Hizbollah-Milizen abziehen, die komischerweise auch noch als zivile Opfer auf und von libanesischer Seite beklagt werden. Damit sind wir dann vielleicht bei 1:4-1:5 (ja, ich habe mir diese Zahlen eben ausgedacht).
Dass das Verhaeltnis libanesischer Opfer nun trotzdem noch hoeher liegt, mag zum einen daran liegen, dass - wie Du sagtest - ein Teil der Infrastruktur unbenutzbar ist und die Bevoelkerung trotz Vorwarnung nicht aus den designierten Kampfgebieten fluechten konnte. Wenn man allerdings sieht, mit welcher Praezision die Luftangriffe ueberwiegend geflogen wurden, dann stellt sich die Frage, ob man nicht vielleicht doch 100m zu Fuss haette zuruecklegen koennen? Und welche Rolle spielt hierbei die Hizbollah, die nachweislich die Bevoelkerung am Verlassen der rotmarkierten Gebiete gehindert hat und die zu allem Ueberfluss auch noch zivile Einrichtungen als Abschussrampen fuer ihre Katjuschas verwendet?
david: man könnte es allenfalls in ein verhältnis zur gesamtbevölkerung setzen (libanon 3,9 mio., israel 6,4 mio.), was es nicht besser macht.

Warum koennte man das? Weil eine Milchmaedchenrechnung in manche Weltbilder leichter hineinpasst, als komplexe Zusammenhaenge?

david: den letzten beiden absätzen stimme ich zu.

Wenigstens etwas...

9:02 PM  
Anonymous Anonymous said...

@david diese Aufzählung (1:10) zeigt vorallem wie pervers die Hizbulla und auch die die sie in Schutz nehmen sind. Die hohe Opferzahl ist gewollt und kalkuliert. An den Methoden der "Freiheitskämpfer" kann man die gewünschte "Freiheit" erkennen.

11:01 PM  
Anonymous Jean said...

Macht es denn einen Unterschied, ob 10, 1000 oder 100? Das sind alles abstrakte Zahlen, die sich keiner wirklich vor Augen führen kann. Entscheidend ist vielmehr schon eine 1 - ein Mensch. Schon das kann man gar nicht gegen irgendetwas auf der Welt aufwiegen.

5:29 PM  

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