Thursday, April 12, 2007

Wenn Juden an den Strand gehen

…dann tun sie das, jedenfalls gewinnt man bei einem Blick auf die Titelseite der ZEIT Nr.15 diesen Eindruck, erstens in voller Bekleidung und zweitens mit umgehängtem Sturmgewehr. Die knappst bekleideten Bikinischönheiten, derer ich am Strand von Tel-Aviv zuletzt gewahr wurde, waren also wohl nicht mehr als eine Fata Morgana. Zu schade!

Doch halt: Wen zeigt das Bild? "Jüdische Siedler am Strand von Gush-Katif/Gaza" - einem Ort also, der längst von Israel geräumt wurde. Da nachweislich keine Siedler in das von Terroristen beherrschte Wespennest zurückgekehrt sind und der als Geisel festgehaltene Soldat Gilad Shalit der einzige Israeli im Gazastreifen sein dürfte, datiert das Foto also gewissermaßen aus der Steinzeit.

Überhaupt die Fotos. Das Dossier "Zions streitende Erben", ein durchaus informativer und gut geschriebener Artikel von Wolfgang Büscher, ist folgendermaßen illustriert:

1. Das Aufmacherfoto über eine halbe Seite (wohlgemerkt: der ZEIT!) zeigt, nun ja: "die ganz Frommen", vier ultraorthoxe bärtige Herren in Hut und Mantel.

2. Ein Straßencafé mit ein paar "netten Hedonisten".

3. "Der Siedler und Philosoph Josef Ben-Schlomo in Kedumim"

4. "Orthodoxer Jude in Jerusalem"

5. "Bewaffneter Hippie beim Ausflug in die Stadt" (vulgo: Babybuggy schiebender junger Mann mit gehäkelter Kippa und Pistole am Gürtel im jüdischen Viertel der Altstadt)

6. "Juden und Araber in einem Souk der Altstadt von Jerusalem" (mit orthodoxem Juden)

Wir halten fest: Jüdische Orthodoxe, jüdische Siedler und Feuerwaffen auf – zählen wir das Titelfoto mit – satten sechs von sieben Bildern. Eine reife Leistung der Fotoredaktion der ZEIT, wie wir finden. Da kann das israelische Tourismusministerium soviele bunte Broschüren drucken wie es will, gar nicht zu reden von den Bemühungen unseres Israel-Korrespondenten Rowlf the Dog. Das Klischee will bedient werden, ob vom "stern" oder von der ZEIT. Nur allen, die schon mal im Land waren, wird bei einer solchen Darstellung schwarz vor Augen.

6 Comments:

Blogger ChristianHannover said...

Ja wo kämen wir denn auch hin, wenn der aufrechte und besorgte deutsche Zeitungsleser den Jud' nicht auf den ersten Blick erkennen könnte?

4:01 PM  
Blogger dwave said...

heh, Guns & Moses.
Vielleicht könnte man speziell für Touristen, die dieses Clicheé suchen, eine Reisegruppe nach Bat Ayin verantstalten.

8:18 PM  
Blogger dwave said...

heh, Guns & Moses.
Vielleicht könnte man speziell für Touristen, die dieses Clicheé suchen, eine Reisegruppe nach Bat Ayin verantstalten.

8:20 PM  
Blogger Dr. Dean said...

Du schreibst:

"ie knappst bekleideten Bikinischönheiten, derer ich am Strand von Tel-Aviv zuletzt gewahr wurde, waren also wohl nicht mehr als eine Fata Morgana."

Ich schätze, irgendwelche Strandschönheiten: Das ist einfach keine Meldung. Und, leider, Medien sind in vielen Thematiken ziemlich repetiv. Da gibt es also Bilder, die kommen, weil es früher mal als interessantes Thema galt.

Mehr ist das m.E. nicht.

Im Übrigen: Auch die deutschen Neocon sind in ihren Themen repitiv. Behaupte ich mal.

6:53 PM  
Anonymous tikwa said...

Stimmt, der Aufmacher hat mich fast davon abgeschreckt, die Zeit zu kaufen. Glücklicherweise hat der dahinterstehende Artikel wenig mit der populistisch-reißerischen Überschrift zu tun gehabt.

9:16 PM  
Blogger Claudio Casula said...

@ dr. dean

Natürlich sind Strandschönheiten keine Meldung, aber ein mindestens anderthalb Jahre altes Foto doch wohl noch weniger. Was soll ein Foto von jüdischen Siedlern im Gazastreifen, wenn es dort längst keine Siedlungen mehr gibt?

Das Problem mit solchen Fotos ist: Oberflächlich (des)informierte Leser glauben wirklich, dass es so in Israel aussieht: Bärte, Schläfenlocken, Waffen wohin man schaut. Das ist aber nun mal Nonsens, auch wenn eine M16 oder ein Streimel tragender Orthodoxer auf einem Foto mehr hermachen als der normal gekleidete Durchschnittsisraeli.

Im Übrigens zieh ich mir den Neocon-Schuh nicht an. Reicht es schon in eine solche schublade gesteckt zu werden, wenn man Bush nicht für schlimmer als Bin Laden hält? Yawn.

10:27 AM  

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