Thursday, December 07, 2006

Maria, Joseph, Ahmed und Najah

„In einer sternklaren Nacht kamen Yasmin und Bara auf die Welt, zwei Monate zu früh. Die Mädchen sind Beduinenkinder, und ihre Herberge war die Kinderklinik in der Geburtsstadt Jesu.“

So beginnt die rührselige Weihnachtsgeschichte in der aktuellen Ausgabe von „chrismon“, einem monatlich erscheinenden evangelischen Magazin, das als Printausgabe überregionalen Tageszeitungen und auch der ZEIT beiliegt. Die Story heißt „Zu Bethlehem geboren“ und erzählt von einem Beduinen-Ehepaar und seinen kleinen, zu früh geborenen Zwillingstöchtern.

Wären Ahmed und Najah in Ramallah Eltern geworden oder in Nablus, hätte die Geschichte nicht funktioniert. Sie kommen aber aus dem Beduinendorf Rashayde südöstlich von Bethlehem, und ihre Kinder kamen in der Caritas-Klinik in der Geburtstadt Jesu zur Welt. Folglich muss Ahmed den biblischen Joseph geben, Najah die Jungfrau Maria, die Zwillinge Yasmin und Bara das Jesuskind, denn parallel zu ihrer Geschichte werden Passagen aus der Weihnachtsgeschichte zitiert. Dazu gesellen sich noch zwei Halbweise aus dem Abendland: der Redakteur Burkhard Weitz und der Fotograf Peter Dammann.

Den Israelis bleibt bei aller Passivität nur der Part des Herodes. Bethlehem ist eine „heute von der acht Meter hohen israelischen Grenzmauer abgeriegelte Stadt“, was erstens so nicht stimmt und zweitens Gründe hat, die einem bei gründlichem Nachdenken die besinnliche Weihnachtsstimmung verhageln könnten. Ahmed ist, aus purer Not, illegal durch eine Lücke im Grenzzaun – also nicht über die „acht Meter hohe Mauer“ – gestiegen, auf der Baustelle in Israel erwischt und für zwei Wochen eingebuchtet worden. Zu allem Überfluss muss er auch noch 2500 Shekel Bußgeld zahlen. Und dann waren damals (vor 54 Jahren) „drei Viertel der Bürger Bethlehems Christen – heute ist es nur noch ein Drittel“. Da die Gründe für den Exodus nicht genannt werden, könnte der Leser auch dahinter die Mauerbauer vermuten.

Allein, dem ist nicht so. Tatsächlich ist die christliche Bevölkerung der Stadt sogar auf 20 Prozent gesunken, seit Arafats Schergen sowie Hamas und Islamischer Jihad unmissverständlich demonstrieren, wer der Herr im Hause ist. Christen verlassen in Scharen die palästinensischen Autonomiegebiete, weil sie dort systematisch ermordet, vergewaltigt, drangsaliert und eingeschüchtert werden. Während sich die Zahl der Christen in Israel seit 1948 vervierfacht hat, ist ihr Anteil in den Palästinensergebieten von 15 auf 2 Prozent gefallen. Ein klassischer Fall von ethnischer Säuberung.

Aber Maria und Joseph sind ja Palästinenser, die es nicht leicht haben. Im Gegensatz zu den Israelis natürlich, für die 2500 Shekel (465 Euro) nur „ein ärgerliches Strafgeld, mehr nicht“ sind. Da darf auch auch ein evangelisches Magazin wie „chrismon“ nicht am palästinensischen Opfer-Image kratzen.

Fotograf Dammann setzt Maria („eine zierliche Frau mit ebenmäßigen Gesichtszügen“, wie die Frauen in Palästina nun mal auszusehen pflegen) und Joseph sehr ästhetisch in Szene; in schwarz-weiß bzw. sepia schreiten sie Seit’ an Seit’ mit den Baby-Bündeln vor Wüstenkulisse vorbei, und im Hintergrund ersetzen Kamele Ochs und Esel.

Vom Redakteur Burkhard Weitz heißt es, er habe sich „morgens zu den Arbeitern an der Mauer gestellt – aber nicht gewagt, mit durch die Sicherheitsschleuse zu gehen“. Warum nicht? Weil er fürchtete, gleich von den Juden hops genommen zu werden?

Oder weil unsere Medien es grundsätzlich nur östlich des Zauns menscheln lassen? Autor und Fotograf brachten mit der Mischung aus Tunnelblick, Ahnungslosigkeit und Naivität jedenfalls die besten Voraussetzungen mit, um nach Schema F der unendlichen Geschichte von den bedauernswerten Palästinensern ein weiteres Kapitel hinzuzufügen. Irgendwie erinnert das an eine andere adventliche Geschichte, welche sich im Dezember 1992 zutrug: Damals hatte die Regierung Rabin nach einer Serie von Terroranschlägen in Israel 415 Hamas-Mitglieder in den Libanon abgeschoben, der sie aber nicht einreisen ließ, sodass die bärtigen Muslimbrüder wochenlang medienwirksam im Niemandsland festsaßen. Tag für Tag schauten die Reporter den Drahtziehern des Terrors im Zeltlager bei der Zubereitung der Mahlzeiten zu und boten ihnen reichlich Gelegenheit, die Unmenschlichkeit der israelischen Maßnahme anzuprangern. Unvergesslich, wie der Korrespondent eines deutschen Fernsehsenders die herzzerreißende Mitteilung machte, dass die „Deportierten“ das „Weihnachtsfest nun im Schnee verbringen“ müssten.

Für einen gläubigen Muslim sicher die Mutter aller Demütigungen.

1 Comments:

Blogger eisealuf said...

Immerhin haben die Hamas-Leute Weihnachten 1992 ein schönes Geschenk bekommen: Ihre freundlichen Brüder von der Hisbollah erklärten ihnen damals, wie das mit Selbstmordattentaten funktioniert. Von da an hatte man ein neues Lieblingsspielzeug - wie es sich für ein zünftiges Weihnachtsfest gehört.

9:00 PM  

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