Tuesday, December 12, 2006

Hilfe, die Deutschen kommen! Die Özdags

Migration, das weiß man sogar beim WDR, ist einerseits „eine gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Bereicherung“, andererseits (uiuiui!) auch „Anlass für Spannungen und Konflikte“. Letztere glaubt man beim Öffentlich-Rechtlichen in Köln vor allem entschärfen zu können, indem man „den Dialog der Kulturen vorantreibt und das friedliche Miteinander fördert“. Es versteht sich von selbst, dass Berichte über Gewalt in der Familie, Zwangsverheiratungen, sogenannte Ehrenmorde und ähnliche unschöne Dinge diesem friedlichen Miteinander nicht eben dienlich sind. Also muss etwas geschehen, damit „wir unsere türkischen Nachbarn besser verstehen“. Mit einem Wort: Es muss menscheln, dass die Schwarte kracht.

Ute Diehl, Autorin und Regisseurin der Serie „Die Özdags“ (Start: 7. Januar 2007 im WDR), hat bereits mit der Doku-Serie „Die Fussbroichs“ für Aufmerksamkeit gesorgt. Nach der Kölner Arbeiterfamilie ist nun eine türkische Großfamilie dran, wie sie untypischer kaum sein könnte. Aber das ist der Autorin egal, denn sie hatte gezielt, das räumt sie im Pressetext selbst ein, eine „Bilderbuchfamilie“ gesucht, und nachdem sie 50 türkische Familien getroffen hatte, wurde sie bei den Özdags endlich fündig: Vater, Mutter, sieben Kinder im Alter zwischen 25 und 36 sowie vier Enkel. Durchaus sympathische Menschen, die eine orientalische Feinkonditorei betreiben. Alle – bis auf Mutter Aliye (59), die stets nur wissend (?) vor sich hinlächelt – sprechen Deutsch, wenngleich Vater Hasan (62) auch nach 35 Jahren in Deutschland nur über rudimentäre Sprachkenntnisse verfügt.

Ein Kopftuch, auch das ist nicht überraschend, trägt bei den Özdags natürlich keine der Töchter. Die strotzen nämlich vor Selbstbewusstsein, und ihre Brüder nehmen ihre Widerworte mit Humor hin. So deutsch wie die Özdags sich geben – Sohn Nebil (34) hört im Auto Schlager von Roland Kaiser, die er aus vollem Halse mitsingt – möchte so mancher Deutscher gar nicht sein. Verächtliche Bemerkungen über „die Deutschen“, wie sie in nicht wenigen türkischen Familien gang und gäbe sind, wird man im Hause Özdag nicht vernehmen. Die älteste Tochter Selda (32) ist mit einem Amerikaner (!) verheiratet, die „schönen Schwestern“ Zülya und Hülya schmeißen den Laden, und die islamische Religion spielt nicht einmal am Rande eine Rolle.

Multikulti vom Feinsten in der Backstube, sozusagen Friede, Freude, Baklava. Die ganze Serie wirkt, als trüge Ute Diehls Drehbuch das Gütesiegel des letzten Landesparteitags von Bündnis 90/Die Grünen. Alles ganz nett, wie gesagt, und nix gegen die Özdags, aber es steht zu befürchten, dass man selbst nach dem Konsum aller sieben Folgen keinen Schritt weiter ist, was das Verständnis unserer türkischen Nachbarn angeht. Denn die Özdags sind so typisch (deutsch-)türkisch, wie ein Cordon bleu kosher ist. Aber die Prognose wage ich trotzdem: Das wird Claudia Roths Lieblingssendung.

1 Comments:

Anonymous Anonymous said...

Ich bin Türkin und (das wird sie jetzt sicher schockieren)meine Familie ist weitaus moderner als die Özdags.Man sollte nämlich bedenken,dass die im WDR gezeigte Familie aus der Arbeiterschicht kommt und somit oft etwas eigenartige Umgangsformen an den Tag legt.Meine Familie besteht(einerneuter Schock für sie)ausschliesslich aus Akademikern.Jahaaa,DAS GIBT ES!Gebildete Türken.Wenn sie die Özdags schon als extrem untypisch für eine Migrationsfamilie halten,dann wüsste ich gerne ,wie sie reagieren würden,wenn sie mich und meine(ebenso aus sehr modernen,gebildeten Familien stammenden)türkischen Freunde kennenlernen würden!?Und die Tatsache,dass manche Türken mit Amerikanern verheiratet sind,ist also auch soooo aussergewöhnlich?Mein Gott,sie tun mir leid.Sie scheinen Türken mit der Taliban zu verwechseln.Ich habe viele israelische Freunde und die Türkei ist in den Sommermonaten voll von israelischen Touristen.Sie sollten sich ihr merkwürdiges "Türken-Bild" schleunigst abgewöhnen.

11:11 PM  

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