Monday, November 06, 2006

Si tacuisses, philosophus mansisses

Dafür, dass ihn die angeblich so mächtige Israel-Lobby „zum Schweigen bringen“ will, redet der englische Historiker Tony Judt ziemlich viel. Und ziemlich viel dummes Zeug, wie zuletzt das Interview in der aktuellen Ausgabe der ZEIT beweist.

Weiß der Geier, warum Judt sich darüber beklagt, dass ausgerechnet der weltweit als Gottseibeiuns verdammte US-Präsident und der Paria-Staat Israel „nicht kritisiert werden dürfen“, sind doch gerade Washington und Jerusalem die Lieblingsadressen der global geäußerten „Kritik“ – und geht es hier doch um zwei Länder, in denen die Politik der Regierung nachweislich von Hinz und Kunz kritisiert werden darf. Mehr noch: Ein unappetitlicher Typ wie Michael Moore bringt es in den USA zu einer gewissen Berühmtheit, und in Israel beziehen arabische Politiker wie Azmi Bishara, die unverhohlen mit den erklärten Feinden des Staates sympathisieren, fette Abgeordnetenbezüge. Mit Yeshayahu Leibowitz erhielt sogar ein extrem scharfer Kritiker die höchste Auszeichnung des Landes, den Israel-Preis. Denn an Kritikern besteht in Israel nicht nur kein Mangel, sie sind in der Regel auch besser informiert als die Sesselfurzer aus Übersee. Deswegen macht es für die Israelis keinen Unterschied, ob Tony Judt ihnen aus seinem Bürofenster des Remarque-Instituts an der New York University ins Gewissen redet oder in Ein-Gedi eine Dattel von der Palme fällt.

Wer sich kein Zimmer im akademischen Elfenbeinturm leisten kann, muss über Tony Judts Äußerungen Bauklötze staunen. Da vergleicht er schamlos die Attentäter von 9/11 mit „jüdischen Faschisten und Terroristen“, die es ja auch gebe, sowie mit „christliche(n) Terroristen, die in Amerika Abtreibungskliniken bombardieren“. Und zum Thema Barbarei fällt ihm – na, was wohl? – zuerst Guantánamo ein.

Denn Judt will den mörderischen politischen Islam bzw. den Dschihadismus nicht als politisches Phänomen behandelt sehen; für ihn ist der Terrorismus ein kriminelles Problem, das offenbar nach Derrick-Art mit viel Einfühlungsvermögen und einem sanften Verhör im Präsidium bei einer guten Tasse Kaffee gelöst werden kann.

Nur ein Intellektueller, der alle für blöd hält, den US-Präsidenten Bush sowieso, die mutmaßlich nicht Carl Schmitt gelesen haben, kann von einem halben amerikanischen Jahrhundert (1950–2000) behaupten, dass damals „die ganze Welt Amerika bewunderte“. Die ganze Welt – mit Ausnahme vielleicht Kubas und Südamerikas, mit Ausnahme der arabischen Welt und der Warschauer-Pakt-Staaten, mit Ausnahme sicher auch gewisser Bewegungen in Korea und Vietnam. Möglicherweise auch mit Ausnahme einiger westeuropäischer Länder, in denen auf der Straße „Ho-ho-Ho-Tschi-Minh!“, „USA-SA-SS“ und „U-S-A, Internationale Völkermordzentrale“ skandiert wurde. Womit der Teil der Welt, der „Amerika bewunderte“, erheblich kleiner gewesen sein dürfte als der, in dem täglich die Rede vom zum Untergang verdammten Kapitalismus und Imperialismus made in USA war.

Aber Tony Judt will uns nicht nur erzählen, dass die ganze Welt Amerika lieb hatte, bis es nach den Angriffen auf das World Trade Center und das Pentagon völlig überreagierte, er behauptet auch, dass „objektiv die Lage (in Israel) nicht unsicherer ist als vor fünf Jahren“, womit er den (selbst-)mörderischen Zwei-Fronten-Terrorkrieg der Hisbollah im Norden und der Hamas im Süden ebenso ignoriert wie die Vernichtungsankündigungen aus Teheran. Besser, man redet die Bedrohung klein, dann kann man sich im Fall eines israelischen Befreiungsschlags umso lustvoller über eine Überreaktion des kleinen Satans ereifern.

Als typischer Vertreter der linken USA-Israel-Kritikerzunft sieht Judt den Wald vor lauter Bäumen nicht. Statt sich beizeiten mit der offen propagierten Ideologie der Islamofaschisten vertraut zu machen, die wahrlich genügend Grund zum Gruseln liefert, sieht er vor seinem geistigen Auge einen Faschismus in Europa (!) für den Fall heraufziehen, dass die alte Welt ihre ökonomischen Standards denen Indiens und Chinas anpassen sollte.

Man fasst es nicht. Ein prominenter Historiker verhält sich wie jemand, der angesichts einer auf ihn zurollenden Dampfwalze ständig mit den Augen den Himmel nach Vögeln absucht, die ihm möglicherweise auf den Kopf kacken könnten. Es kostet einige Überwindung, diesen abgehobenen Quark bis zum Ende zu lesen.

Wer nichts besseres zu tun hat, möge also hier klicken.

1 Comments:

Anonymous jph said...

Das war mein Highligt:

"In Frankreich will man unbedingt als anti-antiamerikanisch gelten. Früher durfte man Moskau nicht kritisieren, um nicht als blöder Antikommunist zu gelten. Heute darf man Washington nicht kritisieren. Das ist schon bizarr.“

8:17 PM  

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