Tuesday, November 14, 2006

Schmitz komm' raus!

Thorsten Schmitz, Israel-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, ist um seinen Job nicht zu beneiden. Unablässig grübelt er darüber nach, welche Schattenseite des Lebens zwischen Metulla und Eilat noch nicht von ihm zum Thema gemacht wurde. Er hat ja eigentlich schon alles durch: Junge ultraorthodoxe Juden, die aus dem unerträglichen Leben in Mea Shearim „aussteigen“ und weltlich leben wollen. Korrupte Politiker. Fanatische Siedler, die den Palästinensern das Leben zur Hölle machen. Russische Einwanderer, die in der neuen Heimat nicht richtig Fuß fassen können. Äthiopische Juden, die wegen ihrer Herkunft diskriminiert werden. Israelische Araber: dito. „Yordim“, Auswanderer, die dem Land enttäuscht den Rücken kehren. Einmal ist es Schmitz, in einem Bericht über die neue Armut im jüdischen Staat, sogar gelungen, die wahrscheinlich einzigen Menschen im Land aufzutreiben, die sich nicht einmal ein Mobiltelefon leisten können. Eine reife Leistung, wenn man bedenkt, dass Israel mit die höchste Handy-Dichte der Welt aufweist.

Kurz und gut: Schmitz hat schon fast alle denkbaren Haare aus der Suppe geklaubt, um das Bedürfnis der SZ-Leser nach Schreckensnachrichten aus dem unheiligen Land zu befriedigen. Fast. Das Schicksal hat es wieder gut mit ihm gemeint: Die Vorwürfe gegen Staatspräsident Katzav wegen sexueller Belästigung bis hin zur sexuellen Nötigung und Vergewaltigung sowie die gesellschaftliche Diskussion über dieses Thema liefern Schmitz den willkommenen Aufhänger, um das Land und seine Bürgerarmee einmal mehr an den Pranger zu stellen. Als gäbe es anderswo ähnliche Probleme nicht, zumal in der üblen Nachbarschaft, mit der Israel nun mal leider leben muss, mokiert er sich über den seiner Ansicht nach vom Militär geprägten israelischen „Machismo“ und „Chauvinismus“, und würzt seinen Bericht mit allerhand saftigen Beispielen aus dem Armeealltag, etwa von Frauen, die von ihren männlichen Kameraden begrapscht oder in den Po gezwickt werden oder sich sexistische Sprüche anhören müssen.

Nun, da die Armee ein Spiegelbild der Gesellschaft ist – vor allem in Israel, wo die allgemeine Wehrpflicht auch für Frauen gilt – , sind solche Fälle wohl nicht auszuschließen. Wichtig ist ja vor allem, dass die Opfer solcher Attacken nicht allein gelassen werden. Das kann aber selbst Thorsten Schmitz nicht behaupten, denn er erwähnt das Zentrum für Vergewaltigungsopfer mit neun Zweigstellen im Land und einer 24-Stunden-Hotline, ein Gesetz, das sexuelle Belästigung seit 1998 unter Strafe stellt, eine 75-minütige Fernsehdokumentation über vergewaltigte Frauen, ein von einer Soziologin verfasstes Buch über Frauen in den IDF, das „in allen Zeitungen besprochen“ wird, und die öffentliche Aufmerksamkeit, die der Autorin zuteil wird, wenn sie in Talkshows auftritt und Vorträge an der Universität hält.

Besagte Dame, Dr. Orna Sasson-Levy, behauptet, „manche jungen Männer könnten nicht damit umgehen, dass sie eine Frau in die Welt der Waffen einführt“. Mag sein. Aber ist das ernsthaft eine Nachricht? Interessanter ist doch wohl, dass weibliche Ausbilderinnen in der Armee nicht die Ausnahme, sondern die Regel sind – und dass die meisten jungen Männer kein Problem damit haben. Wer mit offenen Augen durchs Land läuft, sieht sogar viele Soldatenpärchen Händchen haltend über die Straßen flanieren, und viele Israelis lernen ihren späteren Ehepartner bei der Armee kennen.

Dies zu erwähnen ließe Israel allerdings sympathischer erscheinen als es den Lesern der Süddeutschen Zeitung zuzumuten wäre. Und die israelische Armee darf nach den Regeln des Genres ohnehin nicht anders denn als Hort unsensibler, arroganter, chauvinistischer und gewalttätiger Typen dargestellt werden. Selbstredend ist es „das System der Besatzung, das Herrschen über die palästinensische Bevölkerung“, welches die Soldaten lehre, „dass Herrschen über jemand anderen möglich ist“, wie Tal Kramer-Vadai, Leiterin des Zentrums für Opfer von Vergewaltigungen, meint. Eine recht gewagte Einschätzung, die aber die Augen des SZ-Korrespondenten zum Leuchten gebracht haben dürfte. Die Besatzung! Alles klar. Wer über Araber „herrscht“, will auch über Frauen herrschen.

Stellt sich nur die Frage, warum eine jüngst veröffentlichte Studie über von palästinensischen Männern an palästinensischen Frauen begangene Gewalttaten – von Schlägen in den eigenen vier Wänden bis hin zu „Ehrenmorden“ – sprechen kann, herrschen doch die Palästinenser über kein anderes Volk. Man hat aber auch schon von der abenteuerlichen Theorie gehört, dass auch dafür die israelische Besatzung verantwortlich zu machen ist. Danach werden die palästinensischen Machos und Chauvinisten durch die fortwährende Demütigung geradezu gezwungen, ihr Selbstwertgefühl zu erhöhen, indem sie ihre Frauen unterdrücken. Wie man’s dreht und wendet, Schuld ist immer der Jud’.

Die Pointe kommt zum Schluss: Schmitz zitiert Tal Kramer-Vadai mit der Feststellung, „dass die Zahlen von Vergewaltigungen und sexuellen Belästigungen in Israel nicht höher seien als in den USA oder in Europa“. Diese ernüchternde Nachricht sollte der Leser, auch wenn der Reporter darauf beharrt, „dass die hierarchische und chauvinistische Welt der Armee mit verantwortlich für den Chauvinismus israelischer Männer“ sei, auf sich wirken lassen. „Mit verantwortlich“, das ist erstens Spekulation und zeigt zweitens, dass offenbar auch andere, vielleicht kulturelle Hintergründe ursächlich sein können. Nicht wenige Israelis sind orientalischer Herkunft und halten eher wenig von der Gleichberechtigung der Frau. Wir jedenfalls halten fest: Sexuelle Belästigungen und Vergewaltigungen sind in Israel nicht häufiger als in Europa – und also ein Thema, mit dem sich Israel zu befassen hat, nicht aber notwendigerweise die Auslandspresse, so lange keine signifikanter Grund dafür vorliegt. Für Schmitz geht es aber darum, den Dreh zur verdammten Armee zu konstruieren, dann ist auch diese relativ unspektakuläre Nachricht noch zu etwas nütze. So ist das eben: Jews are news. And bad news about Jews are good news.

8 Comments:

Anonymous Anonymous said...

Isses denn wirklich nur dei SZ im Deutschen Blätterwald, die sich so antizionistisch geriert?
Immer wird auf der SZ herumgehackt, wahrscheinlich um die andern Blätter reinzuwaschen.

1:44 PM  
Blogger Claudio Casula said...

This comment has been removed by a blog administrator.

4:23 PM  
Blogger Claudio Casula said...

Nein, es ist natürlich nicht nur die SZ. Spontan fallen mir noch Norbert Jessen von der WELT ein, Andrea Nüsse (FR, tagesspiegel) und natürlich Jörg Bremer (FAZ). Letzterer verdient eigentlich auch mal eine ausführliche Würdigung, das stimmt.

Danke für die Anregung!

4:37 PM  
Anonymous Geistreich said...

In dieser illustren Reihe sollte auch Frau Bettina Marx nicht fehlen. Die arbeitet zwar für Funk und Fernsehen, insbesondere die ARD - das macht ihre Berichterstattung aber leider nicht besser...

7:40 PM  
Anonymous Anonymous said...

Und Inge Günther ignoriert ihr einfach? Die Arme!

9:12 PM  
Anonymous eran said...

Also braucht Israel die Volksarmee um genau die gleiche Anzahl an Vergewaltiger zu erreichen, die Deutschland ausschließlich mit Zivildienstleistende erzielt.

8:02 AM  
Blogger orcival said...

hallo, erstmal: nettes blog, hab dich auch gleich verlinkt bei mir... und dann, stimmt zwar, dass es viele (viel zu) viele antizionistische knallos allerorten gibt, aber da ich mich in letzter zeit massivst über den im artikel angesprochenen herren geärgert hab, freut es mich, hier einen gutne kommentar zu finden...

2:00 AM  
Anonymous schmetterlingsfrau said...

Trackback habe ich nicht gefunden daher ein Link auf meine Seite:

http://doppelpass.wordpress.com/2007/01/28/gepflegte-israelkritik-anhand-des-falls-kazaw-ein-lehrstuck

1:09 PM  

Post a Comment

<< Home