Friday, October 20, 2006

Lesen!

Die Entscheidung, durchzuhalten

Ein Gastbeitrag von Didymus

Erinnern Sie sich noch an den hessischen Fragekatalog zum Wissens- und Wertekanon der Bundesrepublik Deutschland? Genau: dessen (auf)richtige Beantwortung sollte bei einbürgerungswilligen Ausländern sicherstellen, daß "künftige Mitbürger das Grundgerüst dieser Republik mittragen". Und was sichert nun das Vertrauen in diese Deutschen in spe? U.a. die korrekte Antwort auf die Frage 17: "Erläutern Sie den Begriff 'Existenzrecht' Israels!" Na - wüßten Sie es?

Lassen wir mal beiseite, daß die Hessen das Existenzrecht in Anführungszeichen gesetzt haben (und nicht etwa den gesamten zu erläuternden Begriff, so daß der Eindruck entstehen konnte, es sei nur ein sog., vorläufiges Recht, das Israel da beanspruche), dann dürfte schon so manchem Deutschen der Schweiß auf der Stirn gestanden haben. Das Hamburger Abendblatt ließ seine Leser gottseidank nur 24 Stunden rätseln: "Das Existenzrecht Israels meint, daß die Menschen im Staat Israel in international anerkannten Grenzen frei von Angst, Terror und Gewalt leben können." (HA, 16.3.2006)

Soweit die Kurzfassung - wer es etwas genauer wissen (und damit seine Staatsbürgerschaft für die nächsten Jahre absichern) möchte, dem sei Yaacov Lozowick: Israels Existenzkampf. Eine moralische Verteidigung seiner Kriege (Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2006, 340 Seiten, EUR 19,90) empfohlen.

Der vorsichtige deutsche Titel vermeidet den Anspruch des Archivdirektors von Yad Vashem, dessen englisches Original klar lautet: Right to Exist. A Moral Defense of Israel's Wars (Doubleday, New York 2003). Dennoch ist dem Verlag und einigen Landesstiftungen der Heinrich-Böll-Stiftung zu danken, daß dieses Buch endlich auf Deutsch vorliegt. Nach dem ungewissen Ausgang des jüngsten Libanon-Krieges und angesichts einer breiten Ahnungslosigkeit lohnt es sich, einige Tatsachen gegen den postmodernen Diskurs in Erinnerung zu bringen.

Lozowick räumt auf mit dem Mythos von der Gewaltspirale, an der angeblich alle Seiten des Konflikts gleichermaßen schuld seien. Dabei verleugnet er keineswegs die Fehler und Verbrechen, die Israelis in den vergangenen Jahrzehnten begangen haben. Aber er zeigt auch, daß sich Israelis nicht (wie die entfernten europäischen Beobachter) um schwierige Entscheidungen herumdrücken können: "Israel kann sich nicht darauf festlegen, niemals mehr Krieg zu führen, da sich seine Feinde bereits für Krieg entschieden haben. Israel muss sein Äußerstes versuchen, keine Unschuldigen zu töten, aber das wird niemals vollkommen möglich sein. Kinder zu töten ist entsetzlich. Die Entscheidung, jüdische Kinder nicht zu beschützen mit dem Ziel, keine anderen Kinder zu verletzen, ist unmoralisch." (S. 8f)

Selbstkritisch erklärt Lozowick seinen mühsamen Wandel vom enttäuschten friedensbewegten Gegner zum unvermeidlichen Wähler Sharons, bevor er in elf anschaulichen Kapiteln die Gründung und Geschichte Israels nachzeichnet. Abwägend setzt er sich dabei mit israelischen Post-Zionisten und Gegnern des Zionismus auseinander. Deren nachträglicher Kritik stellt er die konkreten historischen Alternativen entgegen, unter denen Zionisten und Israelis jeweils wählen mußten.

"Die Post-Zionisten kritisieren die Feststellung, dass Israel ein jüdischer Staat sei, sie sähen Israel lieber als 'einen Staat für alle seine Bürger', frei von sämtlichen jüdischen Besonderheiten. Für sie ist es aber völlig unvorstellbar, dass dasselbe auch für den palästinensischen Staat gelten müsste, der ebenfalls ein Staat für alle seine Bürger sein sollte, also auch für Hunderttausende jüdische Siedler." (S. 79) Wäre es - analog zur Forderung der PLO - für diese Kritiker legitim, daß Israel die Möglichkeit der Rückkehr von '800.000 jüdischen Flüchtlingen aus muslimischen Ländern' (S. 136) in die arabische Welt zur Voraussetzung für einen dauerhaften Frieden macht? Und glaubte irgend jemand in Europa, daß eine solches Ansinnen auf Gegenliebe in den betroffenen Ländern stoßen müßte? Das Gedankenexperiment zeigt, wie unrealistisch die Forderung der Palästinenser auf Rückkehr ihrer Flüchtlinge nach Israel ist und wie bereit ihre europäischen Unterstützer sind, sie darin zu bestärken.

Warum unterzieht sich Lozowick der Mühe, die Politik Israels moralisch zu rechtfertigten? Wem wäre er oder Israel denn Rechenschaft schuldig? Offensichtlich hegen große Teile der Welt (speziell Europas) keine großen Sympathien mehr für die Juden und ihren Staat – wenn sie es denn je getan haben. Die veröffentlichte Meinung (von der anderen ganz zu schweigen) beobachtet schon seit Jahrzehnten den erbarmungslosen Kampf der Palästinenser mit viel mehr Nachsicht, als Israels Verteidigung gegen den Terror sich je erhoffen durfte. Für den europäischen Mainstream wie für die Post-Zionisten bedeutete "das Ende der jüdischen Opferrolle das Ende jüdischer Moral"(S. 81).

Daß dem weder so sein muß noch ist, widerlegt Lozowick an vielen Stellen. Wenn es z.B. Israels Nachbarn gar nicht um einen eigenen Staat für die Palästinenser ging, während Israel den Teilungsplan der UN von 1947 stets respektiert hat, so beweist dies gewiß nicht die moralische Unterlegenheit der israelischen Politik: "Obwohl die arabischen Aggressoren 1948 vorgeblich in den Krieg gezogen waren, um Palästina - und damit auch die Palästinenser - vor dem Zionismus zu retten, schienen sie doch niemals daran gedacht zu haben, den Palästinensern zu einem eigenen Staat (und zwar innerhalb der Gebiete Palästinas, die nicht von Israel kontrolliert wurden) zu verhelfen." (S. 145) Ein weiterer Beleg: "Die erstaunliche Tatsache, dass die Juden sich nicht für die Shoah gerächt haben, fällt anscheinend niemandem auf." (S. 151) Welch schroffer Gegensatz zum palästinensischen Terror, den europäische Beobachter als natürliche Eskalation der Gewalt zu interpretieren neigen. Einen Monat nach dem 11. September 2001 "auf einer Konferenz in Hamburg über den Nationalsozialismus, sagte mir ein Teilnehmer, dass dort, wo Menschen in Furcht leben, auch Hass herrsche. Ich antwortete ihm scharf: 'Meine Kinder wachsen in Angst auf. Und die ist begründet, aber es ist ihnen nicht erlaubt zu hassen.'" (S. 43)

Mit den Mitteln der Vernunft und im Glauben an eine universelle Moral versucht Lozowick europäischen Vorurteilen zu begegnen. So klärt er über den Nutzen des umstrittenen Sicherheitszauns auf (S. 14f), vergleicht die Vertreibung von Juden und Palästinensern (S. 135-140), kritisiert die Invasion des Libanon im Jahre 1982 (S. 199-203) und zeigt sogar Verständnis für die erste Intifada von 1987 (S. 206). In Ablehnung des postzionistischen Determinismus (S. 79) wägt er maßvoll die jeweiligen Möglichkeiten ab. Denn nur wer die Wahl hat, kann moralisch handeln: "Moral hat mit Entscheidungen zu tun." (S. 7)

Im Palästinakonflikt prallen auch zwei Weltanschauungen aufeinander: Hier der demokratische Rechtsstaat, in dem freie Menschen nach einem rationalen Disput schwierige moralische Entscheidungen treffen müssen; dort die religiöse Autorität, der jugendliche Attentäter gnadenlos einen vermeintlichen Willen Gottes exekutieren läßt. Welchen friedensstiftenden Dialog kann es mit einer irrlichternden Fatah geben, deren vermeintliche Friedenswille von Oslo in die selbstmörderische Jerusalem-Intifada mündete (S. 279ff), und mit einer Hamas, die antisemitische Fälschungen wie die "Protokolle der Weisen von Zion" zur Richtschnur ihrer Politik macht (S. 212)? Derlei Irrationalität ist nur mit Ausdauer und Augenmaß beizukommen.

So bleibt Lozowicks Ausblick von 2003 auf die Zukunft eher düster, wenn auch realistisch: "Zehn Jahre nach dem Osloer Abkommen und zweieinhalb Jahre nach der gewaltsamen Sabotage der Verhandlungen durch die Palästinenser hat die [israelische] Wählerschaft ihr Urteil gefällt: Eretz Israel wird zwischen Juden und Palästinensern geteilt werden, in zwei souveräne Staaten. Das wird geschehen, wenn die Palästinenser bereit sind, die Bedingungen für einen Friedensschluss zu akzeptieren. Bis dahin werden die Israelis dem Terrorismus mit großer Härte begegnen, sodass die Palästinenser den bewaffneten Kampf verlieren müssen. Da es wahrscheinlich noch lange dauert, bis die Palästinenser endgültig das Existenzrecht des Staates Israel anerkennen, ist es wichtig, dass die israelische Gesellschaft trotzdem weiter vom Mainstream bestimmt bleibt und dass die Extremisten - rechte, linke, haredi [Ultra-Orthodoxe], Siedler - unter Kontrolle gehalten werden und nicht an Einfluss gewinnen." (S. 322)

Das Buch von Lozowick sei dem deutschen Leser an Herz und Hirn gelegt, denn noch immer gilt, was der irische Publizist Conor Cruise O'Brien schon 1991 schrieb (Belagerungszustand, S. 9f): "Die Gründe für die Entstehung des Staates Israel liegen in Europa, er ist ein Produkt europäischer Zurückweisung. Wir Europäer scheinen diese Grundtatsache manchmal zu vergessen, wenn wir den Israelis Vorträge darüber halten, wie sie sich verhalten sollen in dieser feindlichen Region, wo sie vor einem noch feindlicheren Europa Zuflucht gesucht haben. In Europa drohte ihnen der Genozid, und sollte ihre Widerstandskraft jemals nachlassen, so droht er ihnen auch im Nahen Osten."

0 Comments:

Post a Comment

<< Home