Tuesday, August 15, 2006

Auuus, auuus, der Krieg ist auuus…!

Kleines Gedankenspiel: Eine Gruppe von Bankräubern stürmt eine Filiale, erschießt den Kassierer und einige Kunden und nimmt die restlichen als Geiseln. Alsbald trifft das Sondereinsatzkommado der Polizei ein, geht in Stellung, es kommt zu Schusswechseln.
Die Reaktion der Öffentlichkeit: blankes Entsetzen! „Ach, Kinder, seid ihr denn verrückt?! Jetzt hört aber mal gefälligst auf mit dem Geballer, ja? Marsch, marsch, zurück in eure Ausgangspositionen! Die Herren Geiselnehmer fahren bitte nach Haus, das SEK zurück in die Kaserne. Und dass Ihr hier nicht so bald wieder Ärger macht!“

Auf die Ebene der Politik übertragen nennt sich so eine Haltung „Resolution 1701“. Die Herren Geiselnehmer von der Hisbollah werden es zufrieden sein, denn so wird ihnen gestattet, sich – abgesehen von einigen durchaus empfindlichen Schlägen gegen ihre Hauptquartiere und ihr Waffenarsenal sowie einer Dezimierung ihrer Kämpfer – letztlich relativ ungeschoren aus der Affäre zu ziehen. Denn ihre Entwaffnung wird nicht ausdrücklich gefordert, womit 1701 sogar hinter 1559 zurückfällt, und plötzlich sind auch die nach UN-Beschluss (!) zu dem von Syrien beanspruchten Golan gehörenden Sheba’a-Farmen wieder ein Thema, womit die Hisbollah ihre wahrheitswidrige Behauptung, Israel habe im Jahr 2000 eben nicht jeden Quadratzentimeter libanesischen Territoriums geräumt, weiter aufrecht erhalten kann.

Seien wir ehrlich: Hisbollah konnte diesen Krieg nicht wirklich verlieren. Jeder Kampftag, der ins Land ging, stärkte ihr Helden-Image in der arabischen Welt; jeder Tote auf israelischer Seite war ohnehin erwünscht, jeder tote libanesische Zivilist ebenso – als Beweis für die behauptete Skrupellosigkeit Israels. Alles andere als die komplette Entwaffnung der Terror-Miliz konnte sie nur als „Sieger“ erscheinen lassen. Zugleich ist das Image des Feindes, wie bei jedem Waffengang, einmal mehr ramponiert, und so kann die Hisbollah, nachdem sie ihre Waffenarsenale wieder aufgefüllt und neue Fanatiker rekrutiert hat, sich in Ruhe auf den nächsten Krieg vorbereiten, der ganz sicher weder von den Truppen der nur im Antisemitismus vereinten Nationen noch von der regulären libanesischen Armee verhindert werden wird, welche ohnehin zur Hälfte aus Schiiten besteht, die mit der Hisbollah sympathisieren. Die Armee hat denn auch gleich klargestellt, dass sie zwar in den Süden des Landes einrücken wird, aber nicht daran denkt, die Miliz zu entwaffnen. Kein Wunder, dass deren Führer Nasrallah gestern einen „historischen Sieg“ verkündete.

Umgekehrt konnte Israel diesen Krieg nicht gewinnen. Mit einer kritischen Öffentlichkeit, die spätestens nach dem Krieg Rechenschaft für jede Entscheidung der Regierung fordert, die Bürger das Leben gekostet hat, und mit einer grundsätzlich feindlich gesinnten Weltöffentlichkeit, die nur zu gern bereit ist, jede Lüge und jeden Vorwurf aufzuschnappen, der Israel in schlechtem Licht erscheinen lässt, kann auch eine so gut gerüstete und ausgebildete Armee wie die IDF nur mit angezogener Handbremse in den Kampf ziehen. Da nützt es nichts, gezielt die Hauptquartiere der Hisbollah im Süden Beiruts ins Visier zu nehmen – man wirft ihr vor, sie lege eine ganze Stadt in Schutt und Asche. Da muss sie sich darüber im klaren sein, dass ein Luftangriff auf eine Brücke oder eine Straße, über die der Nachschub für die Hisbollah rollt, als „Zerstörung ziviler Infrastruktur“ gegeißelt wird. Da kann sie noch so viele Flugblätter über libanesischen Ortschaften abwerfen, auf denen sie die Bewohner auffordert, das Kampfgebiet zu verlassen – die Hisbollah wird sich skrupellos hinter den letzten Zivilisten verschanzen und jedes tote Kind vor die Kamera zerren, um den Ruf des jüdischen Staates als „Kindermörder“ zu befeuern. Und da reicht eine Handvoll Opfer eines Militärangriffs, um sich den Vorwurf des „Vernichtungsfeldzugs“ einzuhandeln. Es ist eben so: 16 tote Kinder in Kana – wie auch immer sie zu Opfern geworden sind – „schockieren“ die Weltöffentlichkeit ganz besonders und wochenlang und mehr als die 43 toten Waisenkinder gestern in Colombo und gewiss noch viel mehr als 30 israelische Kinder, die vor einer Disco massakriert werden, von einem palästinensischen Attentäter, der schon einen Grund für seine Tat gehabt haben muss. Und wehe die Armee wagt es, in blutigen Häuserkämpfen mehr Feinde zu töten als eigene Verluste zu erleiden: die höhere Anzahl der „Opfer“ auf der anderen Seite wird todsicher negativ für Israel verbucht werden.

Nein, wo schon die Dauer eines Feldzuges als vermeintlicher Beweis für seine Illegitimität herhalten muss, ist kein Blumentopf zu gewinnen. Bestenfalls lässt sich so ein diplomatisches Unentschieden herausholen, und vor diesem Hintergrund muss man die Annahme der Resolution durch die Regierung Olmert wohl sehen. Gleichwohl: 4000 Raketen auf die Städte im Galil einstecken und am Ende akzeptieren zu müssen, dass die feixende Hisbollah mehr oder weniger intakt bleiben darf, das ist unterm Strich zuwenig. Zwar hat das für die „Partei Gottes“ wohl überraschende Zurückschlagen der IDF der arabischen Welt kurzfristig vor Augen geführt, dass Israel sich noch immer nicht ungestraft angreifen lässt, aber wenn die alte arabische Strategie, erst anzugreifen und dann "Haltet den Dieb!" zu schreien, einmal mehr aufgeht und der „jüdische Feind“ vom Westen gemahnt wird, sich an Regeln halten, die man selbst kaltblütig ignorieren darf, wittert man natürlich Morgenluft. Dann kann von Abschreckung, die ohnehin nur funktioniert, wenn dem Gegner das eigene Leben noch etwas bedeutet, gar keine Rede mehr sein. Dann kann man umso hemmungsloser das Kriegsrecht brechen. Und dann wird ein von außen erzwungenes Remis auch gern als Sieg gefeiert, wie 1973. Damals sprachen die UN erst ein Machtwort, als das von Syrien und Ägypten attackierte Israel 101 Kilometer von Kairo entfernt und die 3. Ägyptische Armee von Sharons Truppen eingekesselt war. Gleichwohl spielte sich Sadat bis zu seinem Tod zum Jahrestag des Kriegsbeginns als Sieger auf.

Das hat ja Tradition in der arabischen Welt, angefangen beim desaströs gescheiterten Nasser über den stets das Victory-Zeichen präsentierenden ewigen Loser Arafat bis hin zu „Comical Ali“, den Propagandaminister Saddam Husseins, der noch vom Flughafen Bagdad als Massengrab für die Alliierten sprach, als deren Panzer schon über die Tigris-Brücken rollten.

Ein gefühlter (Teil-)Sieg wird der gequälten arabischen Seele gut tun, denn Autosuggestion ist das Eine, aber man bekommt den Erfolg auch gern von außen bestätigt. In diesem Sinne war Michael Lüders gestern mit Vergnügen bereit, die israelische Armee in einem Fernseh-Interview als „großen Verlierer“ zu bezeichnen, dessen „Angriff auf den Libanon“ (sic!) sich als „großer Fehler“ erwiesen habe, womit der aus welchen Gründen auch immer als Nahostexperte geltende Lüders diverse Grenzverletzungen, Ermordungen und Verschleppungen von Soldaten auf israelischem Territorium sowie Raketen auf zivile Ortschaften im jüdischen Staat offensichtlich als Bagatelle einordnet und den Angegriffenen zum Aggressor stempelt.

Eines muss man den Arabern lassen: Die Rolle der verfolgenden Unschuld beherrschen sie aus dem Effeff. Aber wenn die Kameras ausgeschaltet sind, dürften Nasrallah und sein Gönner in Teheran mit einem Gläschen Ziegenmilch anstoßen – auf die nächste Runde im Heiligen Krieg. Demnächst in diesem Kino.

3 Comments:

Anonymous Guerreiro said...

Oh Claudio, wie recht Du hast. Leider.
Ich befürchte es wird nicht lange auf sich warten lassen, bis die Mörderbande (egal wie sie sich nennt, ob Hisbollah, Hamas, Mulahs, etc...) wieder vollen Mutes zuschalgen wird. Gestärkt durch die UN und EU werden sie mit jedem Tag ihrem Ziel näherkommen Israel zu vernichten. Und dannach wird von Goofi Annan nur ein leichtes Seufzen kommen, welches dann nicht einmal von ihm persönlich sonder durch einen Stellvertreter verkündet wird. Und dann ab zur Tagesordnung.
Es war eine schöne Zeit mit Dir, Israel. Schade das Du schon gehen musstest.

4:55 PM  
Blogger Claudio Casula said...

Ganz so pessimistisch bin ich nicht. Ich glaube schon, dass die Hisbollah durch diesen Krieg geschwächt wurde, personell und materiell. Darüber darf auch die übliche Siegesrhetorik nicht hinwegtäuschen.

Es bleibt allerdings die Tatsache, dass Israel, wie Clemens Wergin im "tagesspiegel" schreibt, wieder einmal vorzeitig zum Waffenstillstand gezwungen wurde, um eine wirklich sichtbare und als "Demütigung" empfundene Niederlage arabischer Aggressoren abzuwenden. Dies wird den Appetit der Djihadisten auf weitere derartige Abenteuer natürlich steigern, zumal auch eigene Verluste sie nicht schrecken. Im Gegensatz zu Israel, was sie natürlich wissen. Insofern haben die islamistischen Terroristen einen langen Atem, denn sie haben keine wirkliche Niederlage und schon gar keine Vernichtung zu befürchten und können seelenruhig die nächste Gelegenheit abwarten. Machen wir uns nichts vor: Wenn der Iran wirklich in den Besitz von Atomwaffen gelangen nd diese an seinen Kettenhund Hisbollah weitergeben sollte, wird das der ultimative GAU sein. die Frage ist nur, wann Schritte unternommen werden, um diese Katastrophe zu verhindern. Und wer den Mut dazu hat.

5:19 PM  
Anonymous Anonymous said...

Es ist alles noch viel schlimmer: Die libanesische Armee zieht ein, die Israelis ziehen ab, die Hisbollah baut wieder auf, besser und schöner natürlich, weitet aus, trainiert (beschützt von der libanesichen Armee)
...und die Internationale Eingreiftruppe verstärkt mit Hochdruck ihre Sorgfalt bei der Planung mit der Maxime: wie sehe ich gut aus ohne der Hisbollah in die Quere zu kommen.
...Und wenn die Hisbollah dann das nächste Mal so weit ist, werden die Hisbollah-Raketen nicht mehr "streuen", sondern punktgenau treffen, vorzugsweise Kindergärten oder sonstige derartige "militärische" Einrichtungen.
Und "der Westen" wird auch dann noch nicht kapiert haben, daß es in Wirklichkeit um London, Paris, Berlin und ... geht.

11:04 AM  

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