Thursday, July 06, 2006

Auf der Flennmeile

Hochmut kommt vor dem Fall – und dem Rausch folgt der Kater. Zwei alte Weisheiten, die in der allgemeinen WM-Euphorie vergessen wurden. Woher auch immer die plötzliche Gewissheit kam, dass die Klinsmänner „ganz sicher“ Weltmeister würden: rational nachvollziehbar war sie nicht.

Zumal diejenigen, für die die deutsche Elf gerade rechtzeitig zum Turnierbeginn zum Maß aller Dinge mutierte, jahrelang an den meist dürftigen Leistungen der Truppe gnadenlos herumgemäkelt hatten. Bei den WM-Endrunden 1994 und 1998 war für die DFB-Auswahl bereits das Viertelfinale Endstation, 2002 mogelte man sich mit ebenso schlappen wie unverdienten 1:0-Siegen gegen verhältnismäßig schwache Gegner ins Finale, traf dort mit Brasilien auf den ersten schweren Kontrahenten – und verlor.

Die Europameisterschaften verliefen noch desaströser: 2000 und 2004 scheiterten die Deutschen schon in der Vorrunde.

Auch in Freundschaftsspielen ging gegen große Mannschaften nichts. Seit mehr als sechs Jahren hat die Nationalmannschaft keine einzige Begegnung gegen Argentinien, Brasilien, Italien, Frankreich, England oder Holland gewonnen.

Und nun war man im ganzen Land plötzlich überzeugt, binnen einer Woche gleich drei Gegner dieses Kalibers schlagen zu können. Man kann das natürlich Selbstbewusstsein nennen; mitunter schlug es jedenfalls in ebenso erstaunliche wie ärgerliche Überheblichkeit um. Statt den Ball flach zu halten, taten die Medien ein übriges, schrieben andere Mannschaften, vor allem die ungeliebten südamerikanischen, herunter und trauten der deutschen Elf plötzlich alles zu. Aber, Herrschaften, bleiben wir doch mal nüchtern: Ein 4:2 gegen Costa Rica, ein 1:0 gegen desolate zehn Polen in der 92. Minute und ein lockeres 3:0 gegen die B-Elf der ebenfalls vorzeitig qualifizierten Ecuadorianer sind kein wirklicher Maßstab.

Dann das früh entschiedene 2:0 gegen offensichtlich weit unter ihren Möglichkeiten spielende und vor allem eingeschüchterte Schweden. Nun war klar: Ab dem Viertelfinale kommen die schweren Brocken. Dennoch hatte nun schon allgemein das trügerische Gefühl der Unbesiegbarkeit um sich gegriffen. „Ganz klar: Wir werden Weltmeister!“ – „Die hauen wir weg!“, solche Sprüche waren gang und gäbe. Die Reihen waren auf einmal fest geschlossen, warnende Stimmen unerwünscht.

Dabei sah man schon gegen Argentinien, dass die Klinsmannschaft arge Probleme hatte. Mit dem 1:1 nach Verlängerung war sie schon sehr gut bedient, die Südamerikaner spielten trotz gellender Pfeifkonzerte des „Die-Welt-zu-Gast-bei-Freunden“-Publikums bei jeder Ballberührung und Schmährufen wie „Ihr seid nur ein Rindfleischlieferant!“ ihren Stiefel herunter und waren nur in der Elfmeter-Lotterie zu bezwingen.

Aber auch jetzt: von Bescheidenheit oder wenigstens Vorsicht keine Spur. Ein Sieg gegen Italien („Ihr seid nur ein Pizzalieferant!“) war ausgemachte Sache, obwohl die WM-Historie eindeutig dagegen sprach und sich das deutsche Team erst im März in Florenz eine 1:4-Klatsche abgeholt hatte, die unter Sportberichterstattern und Fußballfans ein mittleres Erdbeben auslöste.

Vorbei, vergessen, jetzt sollte auf einmal alles anders sein. Im dunklen Wald wurde ganz laut gepfiffen. BILD höhnte „Arrivederci, Italia!“ und ließ die deutschen Kicker ihre Gegenspieler wie Pizzastücke „verputzen“.

Aber verputzt wurde am Ende Deutschland, und man kann nicht sagen, dass einem das wirklich Leid tun muss, denn der schwarz-rot-goldene Wahn war schon entschieden zu weit gediehen, und wirklich gern hört man im Stakkato geklatschte „Sieg!“-Rufe nun auch nicht. All die Häme – Lob für den Gegner findet man nur, wenn der gerade nicht gegen Deutschland spielt – und das Gepfeife waren umsonst. Schön eigentlich.

11 Comments:

Anonymous Anonymous said...

Ja, das "Sieg"-Gebrülle der Deutschen ist widerlich und abstoßend. Genauso abstoßend wie das "Ten German Bombers"-Gegröhle der englischen Hools und ihrer antideutschen Stiefelputzer.

5:06 PM  
Blogger Claudio Casula said...

Nun könnte man natürlich auch sagen: Klinsmanns Team kann nix dafür, wenn Vollbunken "Deutschland!" und "Sieg!" grölen, und das stimmt ja auch. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten hat die Mannschaft durchaus eine gute WM gespielt. Es reicht nur eben nicht gegen die ganz Großen, das darf man sich denn doch gern eingestehen.

6:11 PM  
Blogger svsodingen said...

Unsere PDS-Nazi-Ossis sind wieder da: http://www.jphintze.de/blog/index.php/2006/07/03/links-rechte-volksverhetzung/

6:19 PM  
Anonymous Wolfram said...

Die Bild hat ja Heute noch mal nachgelegt, was sie unter fairen Verlierern versteht.
Ich dachte im Kiosk der "völkische Beobachter" wäre neu aufgelegt.
Unglaublich.
Aber noch unglaublicher ist, das ausgerechnet eine Zeitung dermaßen Stimmung gegen einen Bundestrainer und seine Mannschaft machte und jetzt so tut, als wäre man schon immer hinter der Truppe gestanden.

Gruß
Wolfram

8:02 PM  
Anonymous Anonymous said...

ich /derselbe anonymus wie #1/ meine, dass die deutschen sich bitte bitte menottis spruch an jede kabinenwand nageln: wenn man schön spielt, ist es egal, ob man gewinnt oder nicht. (sinngemäß)

und wenn sog. deutsche fans bei der hymne aufstehen, andere auffordern ebenfalls aufzustehen und die hände an die hosennaht nehmen, dann finde ich das MEHR als befremdlich. dem fass die krone ins gesicht schlägt dann, wenn selbige sich während des spiels nach den regeln erkundigen.

8:35 PM  
Anonymous Sven Wallmann said...

Jedes Volk freut sich, wenn seine Fußballmannschaft gewinnt. Jedes Volk neigt dazu, sich größer und die anderen kleiner zu machen.
Man nenne mir ein Volk, das anders ist.

11:05 AM  
Blogger Astuga said...

Ach, das schreibst du doch nur weil du zu Italien gehalten hast.
Gib`s zu! ;)

3:00 PM  
Blogger c. sydow said...

äußerst lächerlicher artikel...
gegenüber der chauvinistischen englandprsse hatten die schlagzeilen der bild-zeitung doch ponyhof-niveau...

zudem: was erwartet ihr denn? hätte das berliner publikum beim argentinein-spiel nicht pfeifen , sondern nach dem motto "der bessere soll gewinnen" ruhig sein sollen.

das ist fussball. zum fussball gehört leidenschaft.

3:09 PM  
Blogger Claudio Casula said...

@sven wallmann
Natürlich darf sich jeder für seine Mannschaft freuen. Das muss aber nicht notwendigerweise mit Überlegenheitsgetue, großer Klappe und "Sieg!"-Gegröle einhergehen.

@astuga
Hab tatsächlich das erste mal zu Italien gehalten - aus den genannten Gründen.

@c. sydow
Dass die "Sun" noch unangenehmer als BILD ist, ändert doch nix an meiner Kritik.
Und: Anfeuern der eigenen Mannschaft ist das Eine, Auspfeifen, Ausbuhen und Schmähen der gegnerischen das Andere. Hätte es einen Grund gegeben, die Argentinier (wie später auch die Italiener) von der ersten Minute an auszupfeifen - okay. Gab es aber nicht.

4:51 PM  
Anonymous Anonymous said...

so schlecht haben die deutschen nun auch nicht gespielt,
die italiener habe in der vorrunde auch viel glück gehabt,
die schmähungen der gegner (auch in den fernsehkommentaren) waren wirklich ätzend,
das mitsingen der nationalhymne (selbst in kneipen) fand ich auch befremdlich

8:07 PM  
Anonymous Anonymous said...

claudio casula, der wahre gutmensch! HAHAHA!

die sache mit den betonfußbällen fandste aber schon geil. oder?

8:32 PM  

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