Tuesday, May 30, 2006

Herr Blondiau und die Unfähigkeit zur Selbstkritik

Über ein Machwerk wie „Warkids – Jugend in Palästina“ kann man sich aufregen oder auch nicht. Man bemüht sich ja um heitere Gelassenheit, sonst wären früher oder später Magengeschwüre unausweichlich. Aber irgendwie reizte mich die Möglichkeit, den Film vor seiner Ausstrahlung zu sehen und bloßzustellen ebenso, wie die Verantwortlichen mit Beweisen für die unseriöse Machart des Beitrags zu konfrontieren.

Nun ist es bei Journalisten so: Politiker, die sich einen Fehltritt geleistet haben, werden in der Öffentlichkeit von den Medien so lange zur Schnecke gemacht, bis sie, sturmreif geschossen, am Ende zurücktreten. Dann schaut der Chefredakteur abends, vielleicht einen Cognac schwenkend, mit Genugtuung auf das Geweih über dem Kamin und freut sich. Es sei ihm gegönnt. Allerdings nur so lange, bis auch er mal bereit ist, öffentlich begangene Missgriffe einzugestehen und gegebenenfalls die Konsequenzen zu ziehen. Aber die Fähigkeit zum Austeilen und jene zum Einstecken stehen bei der „vierten Gewalt“ in umgekehrt proportionalem Verhältnis zueinander. Insofern machte ich mir natürlich keine Hoffnungen, dass der für „Warkids“ zuständige Redaktionsleiter zerknirscht zugeben könnte, einen die Verhältnisse im Nahen Osten verzerrenden, hemmungslos tendenziösen und beweisbare Tatsachen verdrehenden Film zu verantworten. Vielmehr lag mir daran, Dr. Heribert Blondiau ein konkretes Beispiel zu präsentieren und eine Korrektur zu erwirken. Das wird den verheerenden Gesamteindruck kaum mindern, aber immerhin Rachel Levy und Chaim Smadar ihre Würde als Opfer zurückgeben, die ihnen der Autor Marc Wiese vorenthält.

Die gute Nachricht zuerst: Herr Blondiau rief mich tatsächlich zurück, nachdem ich eine Mitarbeiterin des WDR artig darum gebeten hatte.

Jetzt die Schlechte: Alles in allem zeigte sich der Autor und Regisseur, Fernsehredakteur und Publizist wie erwartet uneinsichtig. Obwohl ich gleich zu Beginn meiner Kritik klarstellte, mich gar nicht erst auf eine Diskussion darüber einlassen zu wollen, ob der Film Partei ergreife und damit nur beispielhaft für den medialen Umgang mit dem Thema Nahost stehe, stritt Herr Dr. Blondiau ab, die Wirklichkeit vor Ort zeigen zu wollen. Er räumte ein, dass der Titel „Jugend in Palästina“ bereits aussage, dass es nur um eine Seite ginge, rechtfertigte dies aber mit dem Charakter des Dokumentarfilms, der sich, etwa im Unterschied zum Feature, nicht um die Darstellung von Hintergründen und Zusammenhängen scheren müsse. Die ideale Gattung also für jemanden, der vorgibt, authentisch zu sein, aber nur einen kleinen, die Verhältnisse auf den Kopf stellenden Ausschnitt fabriziert, um den Zuschauer in seinem Sinne zu beeinflussen. Meinen Einwand, die Gesamtdarstellung durch nicht hinterfragte Aussagen und einschlägigem Kommentar müsse beim Konsumenten den Eindruck hinterlassen, dass der Staat Israel ein unberechenbarer Militärstaat ist, der ohne Rücksicht auf Recht und Gesetz willkürlich mitten in der Nacht unschuldige Leute aus den Betten zu holen, zu verhaften und zu foltern pflegt, konnte er nicht nachvollziehen. „Wir sagen ja nicht, dass es immer so ist, sondern, dass es vorkommt.“ Ah ja.

Gut, das war vorherzusehen, deshalb sagte ich Herrn Blondiau, dass die Porträtierung der Palästinenser als ewige Opfer zwar ärgerlich, aber wohl nicht zu ändern sei. Gleichwohl dürften israelische Opfer des Konflikts nicht, wie in Wieses Film geschehen, geleugnet werden. Schließlich lässt sich die Behauptung, der Anschlag vom 29. März 2002 in Jerusalem hätte „außer Ayat keine weiteren Opfer“ gefordert, durch simple Recherche widerlegen. Und da hörte ich aus dem Munde des Herrn Blondiau einen Satz, den ich von einem Journalisten im Jahre 2006 nicht erwartet hätte: „Ja-haaa, im Internet, da steht ja alles, da finden Sie auch Verschwörungstheorien zum Kennedy-Mord“. Als gäbe es im World Wide Web keine seriösen Quellen, und als seien die ungeprüften Behauptungen von Jugendlichen aus Deheishe irgendwie verlässlicher als im Netz recherchierte Statistiken. Willkommen im 21. Jahrhundert, Herr Dr. Blondiau!

Ich schlug dem gestandenen Journalisten vor, den Selbstmordanschlag und seine Folgen z.B. in den Statistiken der (nationalistischer Umtriebe gewiss unverdächtigen) linksliberalen Tageszeitung Ha'aretz nachzurecherchieren und bat ihn, im Fall der Bestätigung meiner Darstellung, die so sicher sei wie das „Allahu Akbar!“ in der Moschee, die im Film eingeblendete Behauptung, es habe außer der Selbstmordattentäterin "keine weiteren Opfer“ gegeben, vor der Ausstrahlung entsprechend zu korrigieren, was er definitiv zusagte. Nun dürfen wir gespannt sein, wie er aus der Nummer wieder rauskommt.

Es ist schade, dass ich unser Telefonat nicht auf Band besitze. Zu gern würde ich das Gespräch im Wortlaut wiedergeben. Es waren echte Highlights dabei, wie etwa Blondiaus Klage, dass ihm immer nur bei diesem Thema Parteilichkeit vorgeworfen würde. Na, einmal darf er raten, warum! Aber die frivolste Äußerung dieses Herrn hab ich mir für den Schluss aufgehoben: Auf meine Kritik an der Titulierung der Terroristin Ayat Al-Akhras als "Opfer" (schließlich ermordete sie zwei Menschen und verletzte über 20 und sei damit nicht Opfer, sondern im Gegenteil Täterin) bekam ich folgende unsterbliche Sätze zu hören: „Aber natürlich war sie ein Opfer! Das lässt sich doch gar nicht bestreiten! Sie war ein Opfer ihrer Tat.“

Jaja, irgendwie sind wir doch alle ein bisschen Bluna, irgendwie sind wir alle Opfer, die Terroristin sowieso, und, wenn man unbedingt darauf besteht, vielleicht sogar die Menschen, die sie umgebracht hat. Nach dieser Logik war sicher auch Adolf Hitler ein Opfer. Ein Opfer möglicherweise der widrigen Verhältnisse oder auch ein Opfer der anrückenden Roten Armee, bestimmt aber ein Opfer seiner Taten. Zeit eigentlich, dass wir auch dem GröFaz ein Denkmal in Berlin bauen.

Wirklich: Manchmal schäme ich mich für meinen Berufsstand.

2 Comments:

Anonymous Anonymous said...

Hallo CC!

Vielen Dank für Deine Artikel (und für die dahinterstehende Arbeit!), eine Frage habe ich aber doch:

Wie hast Du es geschafft, den Film VOR Austrahlung zu sehen?

Viele Grüße,

T.S.

3:41 PM  
Blogger Julius Firefly said...

Nicht Hitler, sondern das "deutsche Volk", wäre demnach das Opfer. Mit dieser Ansicht stände Blondiau nicht alleine da.
Sympathischer macht das diese Täter-Opfer-Verquasung natürlich nicht.

4:47 PM  

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